Ein Tag mit Tünde bei ihrer Mutter
Aus dem Freundesbrief Juli 2005 der Rumänieninitiativgruppe Bautzen e.V.
Liebe Freunde und Förderer,
ich möchte Ihnen über einen wichtigen Moment in Tündes Leben berichten, den Sie mit Ihrer Unterstützung ermöglicht haben. Vor etwa zwei Monaten waren wir mit Tünde in Siculeni, einem Dorf bei Miercurea Ciuc, wo wir ihre Mutter besucht haben. Ihr Vater ist schon vor längerer Zeit gestorben.
Tünde hat ihre Mutter vor etwa zwei Jahren getroffen. Sie war damals mit ihrem Bruder Albi in Siculeni. Dieser Tag war für sie ein glücklicher und ein trauriger. Sie konnte ihre Mutter treffen und kennen lernen, an die sie schon so oft gedacht und von der sie geträumt hatte. Es war aber auch traurig für sie, weil die Mutter sich hauptsächlich mit ihrem Bruder beschäftigt hat und Tünde vernachlässigt wurde. Am Ende des Besuches hat die Mutter 500.000 Lei (14 Euro) für Albi geschenkt, Tünde hat nur 200.000 Lei (5,60 Euro) bekommen. Nach diesem Treffen gab es keine Kontakte mehr zur Mutter. Und so blieb Tünde mit dieser traurigen Erinnerung allein.
Sie hat mir oft erzählt, wie gern sie aber ihr Mutter wiedersehen möchte. Es ist unser Anliegen bei Fehérlófia, den Kontakt zwischen den Kindern und Eltern zu ermöglichen. Der Kinderschutzbund macht es aus finanziellen Gründen und wegen des Aufwands, der damit verbunden ist, nicht. Sie suchen zwar nach den Eltern, um den bürokratischen Forderungen des Kinderschutzbundes gerecht zu werden und erfassen die Adresse und den Aufenthalt der Eltern (Das ist bei manchen wegen des Hin- und Herziehens oder fehlender Angaben sehr schwer). Wir haben schon Kindern ermöglicht, dass sie in der Ferienzeit zu ihren Eltern fahren konnten. Oder ich habe die Elternbesuche organisiert, bei dem zum Beispiel eine 16-jährige Jugendliche ihre Mutter zum ersten Mal in ihrem Leben sah.
Ich fuhr mit meinem Mann und Tünde und Albi an einem Samstag nach Siculeni zur Mutter. Der Fahrt musste gut vorbereitet werden. Vor allem mit Tünde und Albi habe ich mehrere Gespräche durchgeführt. Ich wollte Tünde und Albi zu einen glücklichen Tag verhelfen ohne Enttäuschungen über sich selbst und ihre Mutter, aber auch zu einem Tag, der für ihr weiteres Leben entscheidend bleiben kann. Die beiden Jugendlichen haben auch ihren Vorbereitungen getroffen. Tünde betete jeden Tag und beide haben ihr weniges Taschengeld gespart, damit sie Süßigkeiten und Orangen für die Verwandten kaufen.
Auf dem Weg dahin waren sie sehr aufgeregt. Tünde ging sogar schlecht vor Aufregung. Wir mussten einige Mal anhalten.
Im Dorf wurden wir sehr herzlich empfangen. Allerdings haben sie mir gleich in die Ohren geflüstert, ich soll die Kinder lieber zu einer Nachbarin führen und von dort die Mutter rufen lassen. „Die armen Kinder sollen die schlechten Zustände bei ihrer Mutter nicht mitbekommen.“ - sagten sie mir. Die Mutter hat uns auch lieber in des Nachbarn Haus eingeladen, wo sie arbeitet. Ihr Haus, war in einem sehr schlechten Zustand. Außerdem lebten dort eine handvoll Leute in einem einzigen Wohnzimmer. Erst wenn man diese Armut sieht, versteht man, warum Kinder ins Heim abgegeben werden.
Die Nachbarn haben uns herzlich aufgenommen und uns etwas zum Essen (ein paar Waffeln) gegeben. Ich habe Tünde und Albi bei der Mutter gelassen mit der Bitte, sie solle mit ihren beiden Kinder auch getrennt reden, weil sie sehr die Intimität und die Beziehung zu ihr wünschen und weil sie Antworten für viele Fragen suchen. Als wir zurückkamen, haben wir zwei leuchtende, glückliche Gesichter wiedergesehen. Sie waren voller Erlebnisse. Die Mutter hat ihren Kindern das Dorf gezeigt, den Friedhof und das Grab, wo der Vater ruht. Sie hat ihre Kinder überall stolz den Leute im Dorf vorgestellt. Die Menschen fanden Albi dem Vater ähnlich. Sie haben viele gute Sachen über den Vater erzählt und Albi die Botschaft mit auf den Weg gegeben, er solle nicht trinken. Denn der Vater, ein guter Mensch, war daran gestorben. Tünde fanden sie ihrer Mutter ähnlich, ihr Lächeln und ihre Haare seien die der Mutter und sie wollten sie im Spaß als Schwiegertochter erobern. Am Abend gab es im Dorf einen Gottesdienst für die, die volljährig geworden sind. Tünde durfte dort mit hin gehen und zwischen den 18-jährigen sitzen, denn sie ist auch gerade 18 Jahre geworden. Die Nachbarin hat ihr nach dem Gottesdienst eine Blume geschenkt und hat sie gelobt, weil sie alle Lieder im Gottesdienst kannte und mitgesungen hatte.
Es haben auch wichtige Gespräche zwischen der Mutter und ihr stattgefunden.
Tünde hat verstanden, dass die Armut und die geistige Behinderung ihrer Mutter eine große Rolle dabei spielten, dass sie ins Heim gekommen sind. Sie und Albi haben zwei wichtige Lehren für sich von diesem Tag mitgenommen. Sie wollen mehr tun, um arbeiten zu lernen und lernen, eigenständig zu sein und zu handeln, damit sie ihr Leben in den Griff bekommen und einmal eine eigene Familie gründen können. Sie wollen verantwortungsvoll handeln und leben. Und sie haben den Schluss für sich gezogen, dass sie durch das Heim nicht nur Schweres sondern auch etwas Gutes bekommen haben. Denn sie hatten immer etwas zum Essen, konnten sich ordentlich pflegen und ankleiden und konnten sogar in der Schule gehen und Freunde haben.
Am Ende des Besuches haben wir die Telefonnummern ausgetauscht. Die Kinder sollen wenigsten zweimal im Jahr für ein Wochenende kommen, damit sie etwas von der Gemeinschaft im Dorf und von der Mutter haben – haben die Nachbarn gesagt. Sie können bei Ihnen übernachten für diese Tage. Die Mutter wünscht sich auch den weiteren Kontakt zu ihren Kindern. Nach einigen Tagen hatte mich Tünde im Büro aufgesucht und erzählt, sie hat schon mit der Mutter nach ihrem Besuch telefoniert. Ihr geht es gut und sie freut sich über ihre Kinder. Noch jetzt kommt sie immer wieder und wieder mit Fragen und Erinnerungen an diesen Tag zu mir. Es war ein Tag, der sie lange begleiten und Quelle für weitere Entwicklungen sein wird.
Hajnalka Mátéffy, Székelykeresztúr, 9. Juni 2005
Veröffentlicht am 10.06.05 12:37

