Eine Reise nach Rumänien

Aus dem Freundesbrief Juli 2005 der Rumänieninitiativgruppe Bautzen e.V.

Wenn einer eine Reise macht, dann hat er viel zu erzählen. Und wenn diese Reise dann auch noch anderthalb Jahre dauert, umso mehr. Ich habe mich auf die Reise gemacht, bin hier her nach Székelykeresztúr gekommen, um als Freiwillige bei Fehérlófia und im Familienhaus zu arbeiten. Mein Name ist Nora Benndorf, ich bin zwanzig Jahre alt und komme aus Dresden.

Ich habe letztes Jahr mein Abitur gemacht und im Sommer, auf einer Tour durch Tschechien, Ungarn und Rumänien, war ich zum ersten Mal hier in Keresztúr und habe Hajnalka kennen gelernt. Sie hat mir von ihrer Arbeit mit den Jugendlichen aus den Wohngruppen erzählt und auch, dass sie noch Freiwillige sucht. Ich hegte schon lange den Wunsch, wegzugehen aus Deutschland, eine neue Kultur kennen zu lernen, ein Jahr oder länger einen Freiwilligendienst zu leisten und mir war immer klar, dass ich in ein Land im Osten gehen möchte. Irgendwie hatte sich auch immer Rumänien in meinem Kopf festgesetzt. Alles, was ich bisher über dieses Land gehört und gelesen hatte, fand ich sehr reizvoll. Gut, nicht gerade die Korruption und so mancher Teil der Geschichte, aber die Kultur speziell hier in Siebenbürgen hat mich sehr gereizt.

So habe ich mich Ende Februar in den Zug gesetzt und bin nach Rumänien aufgebrochen, sehr aufgeregt wegen der langen Zugfahrt allein und im Hinterkopf all die Schauermärchen über Überfälle im Nachtzug, unberechenbare Grenzsoldaten und Schmuggler. Zum Glück hat sich nichts dergleichen ereignet, im Gegenteil, ich hatte eine sehr angenehme Fahrt. So kam ich hier an. Es war kalt, das Grau des Himmels hatte sich auch über den Ort gelegt und überall war Schneematsch. Das machte es nicht einfach für mich die ersten Wochen, im März wurde es auch noch mal richtig kalt und die Sonne ließ sich nur äußerst selten blicken. Mit den dreißig ungarischen Worten, die ich bis zu meiner Ankunft kannte, kam ich auch nicht recht weit. Aber ich lerne jeden Tag dazu und mittlerweile kann ich mich immer mehr verständigen. Doch nicht nur in der Sprache lerne ich dazu. Ich lerne diese kleine Stadt hier kennen, bin immer wieder fasziniert von seiner Dörflichkeit und Ursprünglichkeit. Anfangs hat es mich gestört, wenn ich von dem eindringlichen Glockengeläut früh um sechs Uhr geweckt wurde, jetzt finde ich es schön. Ebenso all die frei herumlaufenden Hunde, das Hahnengeschrei, die Pferdefuhrwerke, die wenigen Autos, das Vogelgezwitscher. Und nun, wo alles grün ist und blüht, ist es umso schöner. Vergessen ist das Grau des Winters. Die Blüte der Obstbäume war einfach umwerfend und die rosa Pfingstrosen in all den Gärten wunderschön.

Neben den Eindrücken von dem Ort gibt es natürlich noch meine Arbeit hier. Ich arbeite zwei Tage im Familienhaus und drei Nachmittage bei Fehérlófia. Im Familienhaus helfe ich Jana bei allen anfallenden Arbeiten, sei es im Garten, im Haus oder zum Beispiel bei den Großeinkäufen. Wenn Krisztina nachmittags aus der Schule kommt, helfe ich ihr mit den Hausaufgaben, zum Teil hole ich Fanny und Florian aus dem Kindergarten ab und spiele oder bastle dann etwas mit ihnen. Ich genieße das Flair einer Großfamilie und komme sehr gerne, auch am Wochenende, ins Familienhaus. Seitdem Borzi, der Puliwelpe, im Familienhaus ist, ist es erst recht nicht langweilig und im Spiel mit ihm vergesse ich regelmäßig die Zeit.

Bei Fehérlófia gebe ich Dienstags Englisch- und Mittwochs Deutschunterricht für zwei bis drei Jugendliche aus den Wohngruppen. Das Wort „Unterricht“ ist vielleicht etwas zu hoch gegriffen, aber ich versuche ihnen auf spielerische Art und Weise etwas von den zwei Sprachen zu vermitteln, was nicht immer so einfach ist. Die Jugendlichen sind sehr schnell gelangweilt und das erfordert viel und vor allem schnelles Einfallsvermögen, was mir manchmal noch etwas fehlt. Aber ich merke, dass sie gerne kommen und das bestärkt mich in meinem Tun. Mittwoch Abend gibt es immer das sogenannte deutsche Terefere mit bis zu zehn Gymnasiasten. Sie können also schon wirklich gut deutsch und die Sprachspiele, die ich mit ihnen mache, bereiten uns allen viel Spaß. Am Freitag bin ich bei dem Treff für die Mädchen mit dabei und ich bin immer wieder erstaunt, wie erpicht sie darauf sind, Freundschaftsbänder und Perlenbänder zu machen und was für wunderbare Bänder sie hervorzaubern!

Neben der Arbeit mit den Jugendlichen bin ich für die Ordnung und Gestaltung im Büro verantwortlich, ebenso für die Dokumentation der Vereinsarbeit und ich helfe, wenn es etwas ins Englische zu übersetzen gibt.

Nun kommen die Sommerferien und somit auch die Zeltlager. Ich bin gespannt, wie diese werden. Überhaupt freue ich mich sehr auf den Sommer hier in Rumänien!

Ich wünsche auch Ihnen einen wunderschönen Sommer und vor allem dieses unbeschreibliche Gefühl der Freiheit, Leichtigkeit und Unbeschwertheit, das uns alle gerade im Sommer so gerne erfüllt!

Nora Benndorf, Székelykeresztúr, den 8. Juni 2005

Veröffentlicht am 10.06.05 12:36