Freundesbrief Dezember 2004 der Rumänieninitiative Bautzen
Liebe Freunde unserer Arbeit!
Wieder leben wir in der Zeit, die sich Zeit der Besinnung nennt Es ist die Zeit der Lichter, des Spendensammelns, der Weihnachtslieder und -märkte. Es ist die Zeit des Rückblicks auf das Jahr und viele Pfarrer und Prediger überlegen vielleicht schon seit Wochen, wie sie denn in diesem Jahr die Botschaft vom Jesuskind im Futtertrog so sagen können, dass sie das Herz der Menschen erreicht.
Die Geschichte des Kindes im Stall berührt immer wieder Menschen und sie lässt uns hoffen, dass wir Menschen vielleicht doch nicht so ganz uns selbst überlassen sind. Die Gäste an der Krippe sind zum Teil weit gereist um das Jesuskind zu sehen und sie sind die Ersten, die es für seinen schwierigen Lebensweg vorbereiteten und ausstatteten.
Auch wir wenden uns weiterhin, und das seit 13 Jahren den Kindern zu, von denen durchaus einige im Stall geboren sein könnten. Vielen kamen dazu noch die Eltern abhanden.
DANKE für Ihre Unterstützung und Hilfe auf diesem Weg. Wir möchten Ihnen ein wenig berichten und mit Ihnen zurückschauen auf dieses Jahr.
Kinderheim
Das Kinderheim – in dem wir 1990 unsere Arbeit begannen, gibt es nun nicht mehr. Mit Hilfe des CJD (Christliches Jugenddorfwerk Deutschland) soll es zu einem Berufsschulzentrum umgebaut werden. Der in Keresztúr ansässige Verein DOMUS und deren Partnerverein DOMUS in Deutschland werden maßgeblich an dieser Umgestaltung beteiligt sein. Wir wünschen für diese große und großartige Aufgabe die nötige Kraft, Weisheit und Gottes Segen!
„Im September ging ich an einem Nachmittag ganz allein durch das ehemalige Kinderheim. Die riesigen Flure, Hallen und Räume wirkten gespenstisch und leer. Wie eine ausgestorbene Welt. Als ich die Augen schloss, wurde das Haus wieder lebendig. Hunderte Kinder strömten durch die Gänge, lachten, weinten, schrieen. Erzieher versuchen das Chaos zu ordnen. Gesichter, Gerüche, Gefühle und 1000 Erinnerungen wurden wach. Das Geräusch eines Presslufthammers aus dem Keller rief mich zurück in die Wirklichkeit. Meine Hand glitt über das Geländer des Treppenaufgangs. Es ist ganz glatt und rund und glänzend. Wie viele tausend Kinderhände suchten daran Halt und schoben sich tagtäglich daran auf und nieder?“ (Rüdiger Steinke)
Was tun diese Hände heute? Wo sind sie geblieben, die Menschen zu denen diese Hände gehörten? Nur von sehr wenigen wissen wir es.
Wohngruppen
Die Kinder die zur Zeit der Kinderheimauflösung, also vor zwei Jahren im Heim lebten, wurden aufgeteilt. Die Großen, das heißt die über Zwölfjährigen kamen in die dafür eingerichteten Wohngruppen des rum. Kinderschutzbundes. Sie leben in Neubaublöcken oder Bauernhäusern und werden im Schichtbetrieb von ehemaligen Heimmitarbeitern betreut. Das Zusammenleben gestaltet sich in vielen Fällen ganz gut und in manchen Häusern hat sich eine richtig gute Nachbarschaft mit den anderen Bewohnern entwickelt. Für die Jugendlichen ist es prima, dass sie am normalen Leben teilhaben können und nicht mehr in einem Ghetto leben. Zwar gibt es noch starke Vorbehalte in der Bevölkerung aber auch viele erfreuliche Erfahrungen der Begegnung und Solidarität. Die unter zwölfjährigen Kinder kamen in Pflegefamilien und sollten dort eine Integration erleben. Das funktioniert leider nur selten richtig gut. Viele Familien wussten nicht, was es bedeutet ein Kind aus dem Kinderheim bei sich aufzunehmen und sind mit den sich daraus ergebenden Problemen überfordert. Ein wesentlicher Grund zur Aufnahme von Pflegekindern war in vielen Fällen der finanzielle Anreiz, der damit verbunden war.
Darüber zu urteilen, steht uns nicht zu und niemand sollte voreilig den Stab brechen
über denen, die alles tun müssen um zu überleben. Leider ist es nun so, dass viele der unter zwölfjährigen aus diesen Pflegefamilien flüchten und dort nicht wirklich eine Heimat finden. Es gibt aber kein Heim mehr, dass sie aufnehmen kann. Damit bahnt sich ein neues Problemfeld an. Leider haben wir keine Statistik vorliegen aber die Zahl der Straßenkinder nimmt angeblich wieder stark zu.
In den letzten Wochen wurden zahlreiche Kleinkinder (ab 4 Jahren) in Wohngruppen der über Zölfjährigen integriert, obwohl deren Arbeitsweise nicht für kleinere Kinder geeignet ist. Wie es mit den Kleineren Heimatlosen in Zukunft weitergeht ist unklar.
Jugendprojekt
Das Jugendprojekt unseres Partnervereins „Fehérlófia“ setzt sich in besonderer Weise für die ehemaligen Heimkinder ein und bietet inzwischen sehr viele unterschiedliche Freizeitprojekte an.
Dabei geht es besonders um:
- die Stärkung der Gemeinschaft unter den Jugendlichen
- das Erlernen ganz lebenspraktischer Dinge und Zusammenhänge
- das Vertraut werden und Kennen lernen
- der eigenen Kultur und Tradition
- die Planung von Lebensperspektiven
- die Vermittlung von Grundwerten
- die Ermutigung zur Entwicklung von Lebensansprüchen
- die Stärkung des Selbstwertgefühls der jungen Menschen
Der Verein hat sich in diesem Jahr stark entwickelt.
Wir berichteten im letzten Freundesbrief über die vielfältigen Aktivitäten.
In diesem Jahr konnten nach längeren Bau- und Renovierungsmaßnahmen neue und große Räume im Nebengebäude des katholischen Pfarramtes eingeweiht werden. Damit ist die Möglichkeit geschaffen worden, auch bei schlechtem Wetter mit großen Gruppen Programme durchzuführen. Im Frühjahr konnte Mátéffy Csaba als weiterer pädagogischer Mitarbeiter angestellt werden. Er ist sehr tüchtig und bei den Kindern und Jugendlichen sehr beliebt. Die Arbeit ist auch mit vielen Mühen verbunden. Aber langsam gibt es ehrenamtliche Mitarbeiter, die zeitweise die Programme mit gestalten.
Freiwilligendienst
Helena Bähr aus Kleinwelka bei Bautzen und Margret Jacobs aus Bautzen beendeten im Sommer ihren Freiwilligendienst in Keresztúr. Margret war 2 Jahre im Familienhaus beschäftigt und wurde für dessen Bewohner zu einer wichtigen Bezugsperson. Helena war im Jugendprojekt beschäftigt und konnte in dessen Aufbauphase wichtige Impulse einbringen. Reichlich Tränen und gute Wünsche begleiteten den Abschied der Beiden. Wir bedanken uns für Euer Engagement, welches mit viel Herz in die Arbeit floss.
Familienhaus
Jenö, Gyöngyi und Julian aus dem Familienhaus absolvierten im Sommer ihre Abiturprüfungen mit Erfolg. Eine große Leistung zu der wir herzlich gratulieren. Es war ein schwieriger Weg bis dahin. Als sie am Gymnasium zu lernen begannen, brachten sie aus der Schule des Kinderheims erhebliche Rückstände mit, die nicht leicht aufzuholen waren. Durch die Familienhauseltern Jana und Robi sowie die Freiwilligen, fanden die Kinder den Rückhalt, die Ermutigung und die Hilfe, die Schwierigkeiten nach und nach in den Griff zu bekommen. Gyöngyi und Jenö studieren nun seit Herbst in Klausenburg (Cluj Napoca). Gyöngyi – Theologie und Sozialarbeit, Jenö – Theologie und Deutsch. Jenö entschloss sich zu einer Ausbildung als Förster, fährt nun jeden Tag nach Odorheiu-Secuiesc und hat das Gefühl, dort an der richtigen Stelle zu sein.
Neu im Familienhaus ist Zsofia, die Schwester von Gyöngyi. Vor einigen Jahren lernten sie sich in einem Zeltlager kennen und es war Zsofi as großer Wunsch, auch im Familienhaus leben zu können. Fast vier Jahre hat es gedauert, bis dieser Wunsch nun endlich realisiert werden konnte. Die rumänischen Behörden haben leider einmal mehr ihre „Flexibilität“ im Sinne der Kinder bewiesen.
Weihnachtspäckchenaktion
In diesem Jahr findet zum 13. Mal die Weihnachtspäckchenaktion der Rumänieninitiativgruppe Bautzen e.V. statt. Wie jedes Jahr packen Menschen in Bautzen und Umgebung ca. dreihundert Päckchen für die Kinder und Jugendlichen in Keresztúr. Am 18.12.04 starten zwei Transporter um die Päckchen nach Keresztúr zu bringen. Eine Gruppe von Jugendlichen der Evangelischen St. Petri Gemeinde Bautzen fährt dann über die Weihnachtstage nach Rumänien um die Weihnachts- und Silvesterzeit mit den Kindern und Jugendlichen aus Keresztúr zu verbringen.
Verein Rumänieninitiativgruppe Bautzen e.V.
Unser Verein hat zur Zeit 26 aktive Mitglieder. Neue Mitstreiter sind sehr willkommen. Im Januar wird unser Vorstandsmitglied Wolfram Hesse seinen Wohnsitz nach Rumänien verlegen, um endlich mit Mátéffy Hajnalka, seiner lieben Frau, zusammenzuleben. Dies bedeutet aber auch, dass wir ein neues Mitglied für die Vorstandsarbeit suchen werden.
Die Arbeit in Rumänien hat inzwischen sehr viele Lebenswege geprägt und Weichen gestellt. Also falls Sie einmal nach Rumänien fahren, dann fragen Sie uns zu Risiken und Nebenwirkungen! Man verliert schneller sein Herz als sein Auto. Wenn Sie interessiert sind, diesem Land und seinen wunderbaren Menschen zu begegnen, dann fahren Sie mit zur Rumänienbildungsreise unseres Vereins im September 2005. Elf Tage lang bekommen Sie einen Einblick in die Tradition, Kultur, Landschaft und Lebensweise Transsylvaniens. (siehe beiliegendes Infoblatt)
Falls Sie die Möglichkeit haben, dann besuchen Sie bitte auch unsere neue Internetseite. Sie enthält viele ausführliche Informationen und wird regelmäßig aktualisiert (www.rig-bautzen.de) Vielleicht ist Ihnen auch schon unser neues Logo aufgefallen. Wir finden, die sich ausbreitenden Wellen passen gut zum Stand unserer heutigen Arbeit. Wir bedanken uns bei unserem Vereinsmitglied Gunter Bähr für die Arbeit an unserem neuen Erscheinungsbild.
Wir wünschen Ihnen und den zu Ihnen gehörenden Menschen ein gesegnetes Weihnachtsfest und ein Neues Jahr mit vielen guten Erfahrungen und Begegnungen.
Danke für Ihre Unterstützung! Bitte helfen Sie uns auch weiterhin!
Mit Grüßen aus dem Vorstand
Lutz Pesler, Marion Preiß, Gerd Spee, Wolfram Hesse, Rüdiger Steinke
Freundesbrief der Rumänieninitiativgruppe Bautzen e.V.
Heringstr. 4, 02625 Bautzen
Tel./Fax: 0 35 91 / 49 07 42
E-Mail: info@rig-bautzen.de
Internet: www.rig-bautzen.de
Spendenkonto: 100 000 63 91
BLZ: 855 500 00
Kreissparkasse Bautzen
Veröffentlicht am 04.12.04 12:14

