Wie erlebe ich Rumänien
Als ich meinen Entschluss, für ein Jahr nach Rumänien zu gehen, Freunden und Verwandten offenbarte, verwunderte mich ihre Reaktion sehr. Einige begannen ihre Eindrücke von Reisen in der Zeit der Sozialismus zu schildern, andere malten mir Horrorszenarien von Organhandel und Taschendiebstahl aus, manche lobten mich dafür, prophezeiten mit aber, dass ich als völlig anderer Mensch wiederkommen würde.
Diese äusserungen brachten mich dazu, mich noch einmal intensiver über das Land zu informieren. Hin- und her gerissen zwischen Fotos hungernder Strassen- oder Kinderheim-kinder und Berichten über den wirtschaftlichen Aufschwung nach dem EU-Beitritt konnte ich mir letztendlich keine Vorstellung von dem Land machen, in dem ich ein Jahr lang leben würde.
Als ich schliesslich mit dem Vorsatz, mir kein konkretes Bild zu machen, hier herfuhr, war ich zunächst begeistert. Denn ich schlief während der Fahrt und erwachte, als die Sonne über den sanften Hügeln Siebenbürgens aufging. Doch nicht nur die traumhafte Natur, sondern auch die Gastfreundschaft der armen Menschen oder die scheinbar romantische Ursprünglichkeit auf dem Land waren die reizvollen Seiten Rumäniens, die sich mir schnell erschlossen. Die eigene Herstellung von Käse, Honig, Palinka und Wein oder die eigene Schlachtung ihrer Tiere fand ich ungemein lebensnah nach meinem bisherigen Leben in einer Überflussgesellschaft.
Es dauerte einige Zeit, bis ich begriff, dass sich die Menschen über eine florierende Wirtschaft und einen gut bezahlten Arbeitsplatz mehr freuen würden, als über eine schöne Landschaft und Natur und dass sich diese Menschen das harte, scheinbar auf das wesentliche reduzierte Leben ausgewählt hatten, sondern möglicherweise auch gern ein anderes führen würden.
Die (typisch rumänisch) lässige und oft nur provisorische Art Probleme zu lösen empfand ich anfangs als erholsamen Gegensatz zum deutschen Ordnungswahn, bald schon jedoch nur noch lästig und als Unzuverlässigkeit. Die Arbeit wird oft ineffektiv von inkompetenten Arbeitskräften erledigt, da es an Ausbildungen mangelt, die sie qualifizieren würden. Gute Handwerker gibt es oft nur in Familien, die das Handwerk schon über Generationen hinweg gepflegt haben.
Dienstleistungen im Gastronomiesektor zum Beispiel werden, falls man sich kennt, besonders freundlich erledigt, im andern Falle bekommt man unangenehm zu spüren, dass man ein Fremder ist. Das traditionelle Essen ist sehr gut, jedoch scheint mir ebenfalls typisch rumänisch zu sein, dass die westliche Esskultur mit einem grossen Qualitätsverlust kopiert wird.
Die bereits geschilderte Lässigkeit und durchaus noch vorhandene Korruption (z. B. im Krankenhaus) liess mich fälschlicherweise vermuten, dass die Bürokratie sehr viel geringer und einfacher ist als in Deutschland, wobei das Gegenteil der Fall ist. Seltsame Vorschriften, umständliche bürokratische Wege und weit entfernte Aemter hemmen die Vereinsarbeit und sind sehr ermüdend.
Die allgemeinen Meinungen über die bettelnden Zigeuner fand ich anfangs sehr erschreckend, weil ich ihre Lage als nicht selbstverschuldet ansah. Paradoxerweise wurde diese Auffassung durch die Bekanntschaft mit einer Familie verstärkt, die zwar auch recht arm, aber fleissig ist, ihre Kinder und Enkelkinder mit viel Liebe aufzieht und auch ernähren kann. Später begriff ich, dass sie sich nicht in ihrem Wohlstand, sondern in ihre Wesensart von den anderen unterscheiden. Über Ursache und Lösung, über selbstverschuldet oder nicht möchte ich mich nicht äussern, weil ich denke, dass dieses Problem zu komplex ist. Ich kann nun jedoch den Missmut über die bettelnden Zigeuner verstehen, schon weil jeden Morgen mindestens drei Zigeuner klingeln oder an die Tür klopfen. Ausserdem bin ich sicher, dass sich einige von ihnen in der Lage sind, sich gut mit anderem als mit Betteln zu verdingen.
Die Mentalität der Rumänen konnte ich nur auf Reisen kennen lernen, da ich im ungarischen Teil Rumäniens lebe. Ich habe sie als aufbrausend, laut und über ihr Land schimpfend erlebt. Besonders arme Rumänien allerdings empfand ich als sehr gastfreundlich, aufgeschlossen und stolz auf ihr Land. Streng orthodox gläubig waren jedoch alle, denen ich begegnete. Ich durfte auch jemanden kennen lernen, der die Evolutionstheorie strikt ablehnt und an die Schöpfungs-theorie glaubt.
Die Ungarn oder besser: Szekler, die ich die meiste Zeit um mich hatte, empfand ich als gemütlich, nett und sehr patriotisch. Damit einher geht jedoch eine gewisse Verschlossenheit und Angst vor Fremdem, die mich anfangs etwas verwunderte und auch belustigte. Irgendwann machte mich eine Freundin darauf aufmerksam, dass man anders seine Kultur in einem „fremden Land“ wahrscheinlich nicht erhalten könne. Trotzdem finde ich die Tatsache, dass ein grosser Teil der rumänischen Bürger kein rumänisch sprechen kann und auch nicht die Bereitschaft zur Integration zeigen will, sehr skurril. Allerdings war ich auch in Städten wie dem schönen Klausenburg, wo Rumänen und Ungarn ohne grosse Probleme zusammen-leben.
Was mir jedoch sowohl bei Ungarn als auch bei Rumänen auffiel, ist die Bedeutung von Statussymbolen. Besonders für Jugendliche sind chice Kleidung und ein möglichst neues Handy sehr wichtig. Wenn ich vom Arbeiten oder Fahrrad fahren schmutzig heim kam und auf Jugendliche traf, wurde ich von ihnen scherzhaft mit Zigeunern verglichen.
Siebenbürger Sachsen hab ich nur wenige kennen gelernt. Die meisten waren Pfarrer und sehr konservativ, was jedoch auf mich einen sehr ehrwürdigen Eindruck machte.
Letztendlich habe ich hier eine schöne Zeit verlebt, viel gelernt, verstanden und Meinungen geändert, grossen Respekt vor den Menschen bekommen, die in diesem Land leben, aber auch viele Vorzüge Deutschlands zu schätzen gelernt. Doch auch wenn ich sicher dem Land nicht lange fernbleiben und oft wiederkommen werde oder vielleicht auch für längere Zeit bleibe (wie einige deutsche „Aussteiger“), könnte ich mir nicht vorstellen, hier mein ganzes Leben zu verbringen.
Veröffentlicht am 21.04.09 09:24

